Buchkritik in FINGERPRINTS, Herbst 2009

                 

                                 von Sylvia Gräber

 

 

 

Wie wird gelebtes Leben zu erfülltem Leben?

(Von der Sehnsucht nach Dauer und Vollendung)

 

Knorrig ist er und stur, ein echter Exzentriker. Doch wenn er will, kann er sehr charmant sein. Paul Baumann, Künstler und Bildhauer, liebt Wein, Weib und Musik. Auf einer kleinen griechischen Insel hat er sich in aller Einsamkeit mit sich selbst und wechselnden Liebschaften arrangiert, weit weg von seiner verhassten Verwandtschaft. Doch die Ruhe ist trügerisch. Sein Neffe Torsten setzt bei einem Besuch ungewollt Ereignisse in Gang, die lang gehütete Familiengeheimnisse ans Licht bringen. Norbert Büchler hat einen fesselnden Entwicklungsroman über Liebe, Lügen und Kunst geschrieben. Da ist Judith, Torstens Mutter. Sie hat seit Langem ein Verhältnis mit Paul, obwohl sie seinen Bruder Karl geheiratet hat. Sicherheit statt Sinnlichkeit. War das ein kluger Tausch? Früh hat sie herausgefunden, dass auch der gewissenhafte Karl Flecken auf seiner sonst so weißen Weste hat. Überraschenderweise finden sich in dem scheinbar verwirrenden Beziehungschaos erstaunliche Parallelen bis hin zur Generation der Großeltern. "Übrigens erzählt der Autor flott voran. Da gibt es keine Hänger und keine Umwege, und seine Dialoge sind direkt und lebensnah", schwärmt Vito von Eichborn. Norbert Büchler führt das auf seinen Mut zum häufigen Überarbeiten und Streichen zurück. "Manchmal muss man eine ganze Seite schreiben, damit zwei gute Sätze dabei herauskommen", sagte er. Wie nebenbei wirft er zwischen den Zeilen seines Romans essenzielle Fragen auf. Können Menschen sich verändern? Kommen sie heraus aus ihrer Haut? Oder sind sie in sich selbst gefangen? Doch jenseits aller falschen Entscheidungen, Lügen und vergeblichen Hoffnungen geht es ihm auch um Entwicklung, Aufbruch und Neubeginn: Zwischen dem Eigenbrötler Paul und dem empfindsamen Cellisten Joachim entsteht eine Freundschaft, die in einem gemeinsamen kreativen Projekt gipfelt. Doch nur für einen von beiden führt es zur Befreiung und Versöhnung. Was bleibt? Vielleicht die Erkenntnis, dass Wahrheit nicht immer heilsam ist; sie reißt auch Wunden. Und dass manchmal das Leid, das Scheitern und die unerfüllte Sehnsucht die größten Musen sind. Kein Happyend im eigentlichen Sinne, aber doch eine Klärung. 

 

 

 

 

Vorwort von Vito von Eichborn

zu "Inselfluchten"

herausgegeben in der EditionBOD

(mit freundlicher Genehmigung von V. v. Eichborn)

 

 

 

   Meine Buchhändlerin sagte mir, "ja", sagte sie, "Liebe geht ja immer. Was wäre die Geschichte der Bücher ohne Literatur über die Liebe? Aber diese Anpreisungsbegriffe 'vielschichtig' und 'mitfühlend' und 'eindringlich' hören sich nach Klappentextprosa, nicht gerade nach einer Sensation an. Wovon handelt die Geschichte, wie geht der Plot?"

   Da war ich nun platt. Manchmal konnte meine Buchhändlerin gnadenlos sein.

   "Verdammt, aber sie stimmen, diese Vokabeln! Eben, der Plot ist rundherum vielschichtig. Wer da alles wen liebt und geliebt hat und immer noch liebt, und dies durch mehrere Generationen, das ist nur auf den ersten Blick verwirrend. In Wahrheit ist alles ineinander verflochten zu einem – ja: vielschichtigen – kunstvollen Geflecht von Männern und Frauen, die so bemüht wie unfähig sind, ihre Gefühle zu kapieren, auszudrücken, sie zu leben. Und, ja, das ist mitfühlend und eindringlich ...“

   “Den Plot bitte!“, unterbrach mich meine Buchhändlerin, wie sie das immer tut, „und die Charaktere. Wie soll ich dieses Knäuel einer Leserin nahebringen?“

   "Okay, also: Das Ganze spielt auf einer griechischen Insel. wo sich die Personen wechselnde Stelldicheins geben, sich lieben und fetzen und beargwöhnen. Drei Männer - ein rücksichtslos-egoistischer Maler, ein sturer Beamter und ein empfindungsreicher Cellist - stehen im Mittelpunkt. Dazu die derzeitigen Ex-Frauen und -Geliebten, Söhne und Töchter, erotische Eskapaden und Fremdgehgeschichten von früher mit ungeahnten Konsequenzen. Empfinden und Realität, aufgesetzte Coolness und Hilflosigkeit, Lust, Leiden und die Unfähigkeit der Geschlechter im Umgang miteinander sind die uralten Gegensätze - aber eben sehr heutig mit lebendigen Menschen bevölkert, wie wir alle sie (und uns selbst) kennen."

   "Da scheint ja wirklich heftig was los zu sein", meinte meine Buchhändlerin, nun richtig neugierig geworden. "Das ist also nicht die oft als 'zart' angepriesene Innerlichkeitsliteratur, die ich meist langweilig finde. Gefühlsschilderungen in Ehren - aber als Leserin brauche in eine spannende Handlung, Intrigen wie bei Shakespeare, ungeahnte Wendungen des Plots ..."

   "Aber ja, all dies bietet Büchler. Griechenland und schöne Griechinnen als Folie, dazu tief empfundene Kunst - die ja immer mit der Liebe konkurriert -, die Eltern-Kind-Konflikte, die Unfähigkeiten auszudrücken, was man fühlt, letztlich die Unmöglichkeit in der Realität, Liebe wirklich zu leben -  es ist alles drin.

   Und - nein!", rief ich, als meine Buchhändlerin was sagen wollte, "nein, dies ist überhaupt nicht ktischig. Es gelingt dem Autor, entlang der so empfindlichen Kante zu erzählen, an der schon so viele in der Weltliteratur ausgerutscht sind."

   Ich sah, dass ich den Nernv getroffen, ihr die Luft abgelassen hatte.

   Sie nahm es mir aus der Hand und fing zu blättern an.

   "Übrigens erzählt der Autor flott voran. Da gibt es keine Hänger und keine Umwege, und seine Dialoge sind direkt und lebensnah. Dies ist im besten Sinne gute Unterhaltung, wie es sie im Buchmarkt ..."

   Meine Buchhändlerin hatte mir nicht mehr zugehört, sich stattdessen hier und da festgelesen. Nun klingelte es an der Ladentür, sie meinte: "Das schmeckt ja wirklich rundherum lebendig" - und eilte von dannen.

    Meine Freundin Cosy las das Manuskript und merkte an:

   "Jeder Weinhändler sollte das Buch im Laden haben, macht es doch überzeugend deutlich, dass Beziehungsprobleme, Beziehungsgespräche und Beziehungsleiden ohne die entsprechenden Mengen guten Weins nicht zu lösen sind. Manchmal allerdings auch nicht mit."

   Womit sie rundherum Recht hat. Eben das verspreche ich: Lebendige Lektüre über das ewige Thema, dem noch nie jemand von uns im Leben wirklich gewachsen war.

 

Warum ist die Sache mit der Liebe nur so verflucht kompliziert? fragt, zum 1000sten Mal verblüfft,

und hebt sein Glas

 

Vito von Eichborn